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Nie war der Musikunterricht (in jeglicher Form) wichtiger als heute!
Offensichtlich leben wir in einer Welt der Schlagwörter, Schlagzeilen und schlagkräftigen Argumente, die gern einmal aus dem Zusammenhang und somit aus der Sinngebung gezogen werden. Deshalb beginne ich diese kritische Stellungnahme gleich mit dem Wesentlichen im Titel, bevor es zu Missverständnissen kommt.
Namhafte Psychologen bieten in ihrem Gutachten für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Zusammenfassung des Forschungsstandes in der ausschließlichen Frage: Ist es tatsächlich empirisch angemessen, das Hören von Musik und/oder aktives Musizieren als geeignete Mittel zu einer nennenswerten Steigerung kognitiver(*) Leistungen anzusehen? unter mehreren Aspekten aus ihrem Fachbereich.
Aus psychologischer Sicht mehrfacher Einzeldisziplinen wird festgehalten, dass die Differenzierung zwischen den kognitiven Effekten, die sich aus dem passiven Musikhören und dem aktiven Musizieren ableiten, von großer Bedeutung sei und im zweiten Fall eine nicht signifikante Steigerung des sog. IQ festzustellen wäre.
Diese Expertise räumt vornehmlich mit Deutungen und Darstellungen von Puzzleteilen, die – dem Zusammenhang entrissen – aus den einzelnen Forschungen und Studien entstanden sind, auf.
Beispiel: Bastian-Studie und der nun „propagierte, mutmaßliche Irrtum“
Wer mit der Bastian-Studie vertraut ist, und sich über die Seiten 36 und 73 ff der Veröffentlichung „Kinder optimal fördern – mit Musik“ hinaus einen Einblick verschafft hat, erkennt eindeutig den Sinn und die wirkliche Zielsetzung. Denn nach sehr kritischer und weitsichtiger Prüfung vieler Messarten von (einseitiger) Intelligenz stellt Hans Günther Bastian fest: Ein Maß wie der IQ sagt wenig bis nichts über Kreativität, Sozialverhalten und den Umgang mit Lebendigem aus, ein Maß, das zu Recht seine ausschließliche Akzeptanz verliert. Die Frage nach sozialen und kommunikativen Fähigkeiten … hat einen Eigenwert, der im öffentlichen und bildungspolitischen Bewusstsein kaum überschätzt werden kann. (S. 50). In diesem Sinne findet sich die Feststellung: Erweiterte Musikerziehung führt nicht zu solchen Leistungssteigerungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch, dass diese als wissenschaftlich nachweisbare Effektgrößen bewertet werden könnten, … (S. 97). Auch bestehe kein erkennbarer Einfluss von Musikerziehung auf die Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit. Immer wieder bezieht er sich auf die Wichtigkeit der Musik in Bezug auf sie selbst sowie die unschätzbaren sozialen und emotionalen Werte: Das eindeutigste Ergebnis … bezieht sich auf die sozialpädagogische Wirkkraft der Musik, auf das Sozialverhalten und Billdungpolitik mit Musik ist die beste Sozialpolitik! (S. 37) Denn: Musik fordert und fördert Extraversion als Kontaktfähigkeit, Gewissenhaftigkeit, Teamfähigkeit, emotionale Stabilität (S. 19) Musikmachen und Musikerleben ist eine besondere Art und Weise, sich in der „Welt“ zu befinden und dabei sich zu finden. (S. 29) sowie die Fähigkeiten des Intellekts (Begreifen), der Grob- und Feinmotorik (Greifen) und der Emotion (Ergreifen) … Bei keinem anderen Fach, bei keiner anderen Tätigkeit muss ein Kind so viele Entscheidungen gleichzeitig treffen … (S. 89)
Ein Zitat aus der Expertise des BMBF soll hier nicht aus grundsätzlicher Ablehnung, sondern vielmehr aus Gründen der Deutungsspielräume und „Schlagwortinteressen“ (siehe unten) angebracht werden:
Musik, die Freude macht, fördert die Leistungsbereitschaft; Klänge, die weniger Spaß bereiten, sollte man beim Lernen - wie auch überhaupt - lieber meiden. Und was beim Konsum gilt, das trifft auch fürs Aktive zu: Nicht nur das Musizieren hilft dem Hirn auf die Sprünge, auch Knobelkurse, Schachpartien und Technikbasteleien machen den Nachwuchs fit für die Zukunft - wenn die Beschäftigung dem einzelnen denn liegt.
Der Freude mancher, diese Aussage zu benutzen, um die Musik in die Ecke der ausschließlichen Freizeitbeschäftigung zu verbannen, möchte ich mit aller Kraft dagegensetzen:
Wenn wir uns und unsere Kinder – inmitten einer von Pisa und zentralen Prüfungen, von Sprach- und Lernstandserhebungen, Fortbildungen und Qualitätsstandards, Bewerbungstricks und Baustellen zur nutzbringenden Entwicklung der eigenen Persönlichkeit geprägten Bildungswelt, die kaum noch etwas übrig lässt als Schubladendesaster und Bürokratenwahnsinn – weiterhin zu perfektionieren suchen: Was bleibt dann noch übrig? Ein „Computersystem mit menschlichen Macken“? Wer wird dann neue Ideen entwickeln, kreative Lösungen finden und sozial handeln?
Ich wiederhole: Nie war der Musikunterricht (in jeglicher Form) wichtiger als heute!
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(*) Begriffliche Irritation:
Trotz allgemeiner Verwendung des Begriffes „kognitive Leistungen“ möchte ich zu bedenken geben, dass hiermit wohl Leistungen gemeint sind, die auf ein rationales Erfassen und weniger auf Erkenntnis bzw. Einsicht beruhen. Da dieser Begriff etwas mit „gelebter Erfahrung“ zu tun hat, kann er m. E. nicht für diese Bedeutung im Sinne von „auf Intelligenz beruhender Lernleistung“ stehen, die lediglich „rationalen Denkfähigkeit“ voraussetzt.
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© Beate-M. Dapper M. A., August 2007
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