Nach langem Schweigen: Zur Kritik an der Langzeitstudie “Musikerziehung und ihre Wirkung”
Zur Replik von Hans Günther Bastian im Januar 2008 auf die Expertise des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom 5. April 2007
Eine Studie, die bildungspolitisch motiviert war, geriet stärker in das Kreuzfeuer der Kritik als die Misere einer deutschen Bildungspolitik OHNE Musik ...
stellt Hans Günter Bastian in seiner Replik auf die Expertise des BMBF fest und fordert: Letztlich soll Kritik der Sache und ihrem Erkenntnisfortschritt dienen und nicht der Selbstdarstellung eines Rezensenten. - Wie richtig Hans Günther Bastian mit dieser Äußerung liegt, haben uns die marktschreierischen Tendenzen und enormen Gewichtungen auf Titelwirksamkeit bewiesen, die - oft zu Ungunsten des wahren Inhaltes - nicht nur in die musikpädagogische Welt getragen wurden.
Leidfaden “Musikpädagogik”
Es ist schon traurig genug, dass das Bildungsministerium mit seinem sehr einseitig geprägten, psychologischen Gutachten zu der einzigen Frage “Macht Mozart schlau?”, das offensichtlich nur Fragmente der Studie “beurteilte”, einen tiefen Keil z. B. in das öffentliche Bewusstsein über die sowieso schon kränkelnde Musikpädagogik geschlagen hat. Fraglich bleibt auch, warum sich die Politik eines dieser reißerischen Titel für sein Gutachten bedient hat ... Aber noch trauriger ist es, dass das Ministerium es dabei belässt und damit nicht unwesentlich gegen sein eigenes Gesetz handelt: (Beispiel aus dem Schulgesetz NRW vom 15.3.2005, § 2, Abs. 4,6: Die Schülerinnen und Schüler sollen insbesondere lernen, die eigene Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Ausdrucksfähigkeit sowie musisch-künstlerische Fähigkeiten zu entfalten. [...]
Statt “die Sache” in dieser Weise auf sich beruhen zu lassen und sich ganz im Sinne von Pisa, G8 und Co an den Rattenschwanz der Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu klammern, könnte ein Ministerium - das es eigentlich (!) besser wissen sollte - eine Studie (nicht Expertise!) in Auftrag geben, die etwa beweist, dass Einseitigkeit in der Menschheitsgeschichte immer (!) zum Untergang geführt hat. - Stattdessen füttert uns die Bildungspolitik mit öffentlichkeitswirksamen Häppchen, undurchdachten Kooperationen und “Extraportionen Musik”, die letztlich nur Verwirrung zur Folge haben - eine wild verästelte Kompliziertheit, die an strukturierter und sicherer Arbeit, an Transparenz und Einfachheit verloren hat. (Man möge mir bitte eine einzige Schule (GS und Sek 1) nennen, die sich an alle verbindlichen Punkte der Lehrpläne und deren Ziele hält!)
Leitfaden “Musikpädagogik”
Hans Günter Bastians Replik auf die Expertise des BMBF ist an Eindeutigkeit und Klarheit nicht zu überbieten. Sinn dieses Beitrags, so sagt er selbst, ist die reflexive Auseinandersetzung mit Reaktionen auf unsere Studie als Teil eines lebendigen Wissenschaftsbetriebes. Und er stellt klar: Im Dienste der Musik möchte ich mich für eine kinder- und jugendfreundliche Bildungs- und Kulturpolitik, eine Politik mit Musik, einsetzen. Denn: Musikerziehung soll [...] die Freude der Kinder an der Musik fördern, als der Freude am ästhetisch Schönen und gleichzeitig aus dem Odium der Zeitverschwendung und der Spaß machenden Unterhaltung befreien.
Ich persönlich setze große Hoffnungen in Professor Bastians Forscherzukunft, der offen sagt, was viele denken: Wie wollte man diesen Zusammenhang von emotionaler Zuwendung und fachlichem Einfluss auseinander dividieren?
Ja: Musik ist emotional UND rational! Musik ist Mathematik; Musik ist Physik; Musik ist Geschichte; Musik ist Ästhetik; Musik ist Emotion ... Klar ist: Mit der einseitigen Jagd nach Zahlen, Fakten und Wirtschaftlichkeit wird man ihr ebenso wenig gerecht wie mit der ach so gern degradierten “Besenkammer der Seele”.
Bleibt zu hoffen, dass alle Verantwortlichen noch einmal genau hinschauen und mit dem Scharfsinn eines Wissenschaftlers, dem Sach- und Menschenverstand eines Pädagogen und dem lebendigen und offenen Auge und Herzen eines Menschen diesem wahnsinnigen Weg der Musikpädagogik ins Nichts ein Stoppschild setzt.
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Lesen Sie hier die vollständige Replik von Hans Günter Bastian, die er der Musik-Redaktion freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Herzlichen Dank!
Auf seiner eigenen Homepage www.hgbastian.de finden Sie neben dieser Replik auch wertvolle weitere Informationen über seine Person und seine Arbeit.
Und wer den Kommentar der Musik-Redaktion zur Expertise des BMBF vom August 2007 noch nicht gelesen hat, findet ihn hier ...
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Beate-M. Dapper, Januar 2008
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